Die Führungskrise der Automobilkonzerne

August 19, 2017
mfriedri
Die Spitzen der Automobilindustrie

Foto: Stern.de

Bereits vor zwei Jahren kritisierte ein Unternehmensberater der Management-Beratung Atreus die Führungskrise in der deutschen Automobilindustrie. „Das ist kein reines VW-Thema. Die gesamte Zulieferindustrie muss Gewehr bei Fuß stehen“, sagte Harald Linné der Deutschen Presse-Agentur damals. Die Berater stießen in Unternehmen immer wieder auf Qualitätsmängel und Compliance-Verstöße, die intern totgeschwiegen würden.

„Der Wind ist extrem rau. Alle wollen Kosten sparen, Erfolg haben – Widerspruch wird nicht geduldet“, sagte Linné. Auch deshalb hätten Rückrufe in der Autoindustrie in den vergangenen Jahren zugenommen. Kurzschluss-Aktionen ersetzten mitunter langfristiges Handeln. „Man merkt schon, dass bei Firmen, die unter Druck sind, die Compliance anders funktioniert“, sagte Linné. Und fügte hinzu: „Kritische Themen dürfen häufig nicht angesprochen werden, weil der Konzernchef sonst mit Rauswurf droht“.

Als Reaktion auf den beginnenden Abgas-Skandal verkündete VW damals einen „Kulturwandel“ im Konzern. Die Mitarbeiter sollen offener miteinander diskutieren. „Den Mutigen gehört die Zukunft bei Volkswagen „, sagte VW-Matthias Müller.

Nun, Jahre später, zeigt sich, dass der angekündigte Kulturwandel nicht viel mehr als ein PR-Manöver war. Der Dieselskandal nimmt immer absurdere Züge an und hat sich inzwischen für eine gesamte Branche zur bedrohlichen Existenzkrise entwickelt.

Dabei wird auch immer deutlicher, dass es bei dieser Krise nur vordergründig um Technik geht. Kein Software-Update kann den Fehler beheben, der ursächlich verantwortlich ist: ein völlig überholtes Führungsmodell vieler Automobilkonzerne.

Denn der mit viel Aufwand und über Jahre fortgesetzte Betrug war am Ende das Werk weniger Führungskräfte, die aufgrund mehr oder weniger deutlicher Anweisungen der Konzernspitze den Dieselmotor um jeden Preis als Erfolgsmodell verkaufen mussten. Gleichzeitig wurden neuen Antriebsarten halbherzig weiterentwickelt und vernachlässigt. Das Ganze wurde dann auch noch in illegalen Kartell-Absprachen zwischen den Konzernen abgestimmt. So konnte eine kleine Führungselite die wichtigste Schlüsselindustrie des Landes in die größte Krise der Nachkriegszeit stürzen.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass ein autokratischer Führungsstil für Konzerne mit einer derartig wichtigen volkswirtschaftlichen Bedeutung keine Zukunft haben kann. Gerade Automobilkonzerne sind gefordert, alle Energie in die Innovation zu lenken. Dies lässt sich nur durch eine neue Kultur der agilen und dezentralen Produktentwicklung realisieren – mit viel Eigenverantwortung für Teams, die ihre Neuentwicklungen voranbringen wollen. Mit Transparenz und einer gelebten Kultur des offenen Austauschs – ohne Angst, dafür abgestraft zu werden. Geheime Top-down-Entscheidungen, eine alte Diesel-Technologie mit Betrug in den Markt zu drücken, hätten in dieser Organisationsform wenig Chancen auf Erfolg.

Die deutschen Automobil-Konzerne werden nicht mehr viel Zeit haben für die überfällige Strukturreform. Weltweit sind Startups und Digital-Konzerne bereits mit großem Tempo in den Wettlauf um die Führung in der Mobilitäts-Innovation gestartet. Und nicht zuletzt das Beispiel des E-Mobils der Deutschen Post zeigt, wie schnell sich aus einem kleinen agilen Projektteam, das sich komplett der Innovation widmet und keiner Geheimabsprache einer Konzernspitze, ein ernstzunehmender Konkurrent entwickeln kann.