Design Thinking: Was bleibt vom Hype?

Oktober 8, 2017
Markus Friedrichs

Viele große Künstler hatten ihre sehr eigenen Methoden, um Kreativität zu fördern. Zu den sicherlich Skurrilsten gehörte die Marotte Friedrich Schillers, der sich beim Arbeiten wenig um geordnete Strukturen kümmerte, stattdessen aber seinen Arbeitsraum stets mit vielen faulenden Äpfeln ausstattete. Der Geruch der Verwesung und Gärung inspirierte ihn offenbar – während dies bei seinem Freund Goethe große Übelkeit verursachte.

Nun käme angesichts dieser Geschichte niemand auf die Idee, aus der Marotte eines Künstlers eine allgemeingültige Methode zur Förderung von Kreativität und Innovation abzuleiten. Zu offensichtlich ist die Tatsache, dass es nicht die Methode war, die große Werke entstehen ließ, sondern Handwerk, Talent und Leidenschaft des Künstlers.

Nachdem in den letzten Jahren die Methode des Design Thinking zu einer Schlüsselkompetenz für fortschrittliche Manager geworden ist und vom Praktikanten bis zum DAX-Vorstand fleißig Post-Its auf Stellwände geklebt werden, mehren sich kritische Stimmen die fragen, was denn eigentlich mit dem Hype um diese Methode erreicht wurde.

Eine überraschend harsche Kritik kam ausgerechnet aus der Designwelt selbst. So hat im vergangenen Sommer Natasha Jen von der renommierten New Yorker Design-Agentur Pentagram in einem unterhaltsamen Vortrag erklärt, was sie von der Methode Design Thinking hält: herzlich wenig.

 

Im Kern kritisiert Jen, dass Design Thinking als Methode allein weder gutes Design noch innovatives Denken hervorbringt. Vielmehr braucht es zuerst einmal Talent, eine fundierte Ausbildung und vor allem Kreativität und Leidenschaft, Neues zu entwickeln. Sind all diese Voraussetzungen vorhanden, kann Design Thinking eine gute Methode sein, den kreativen Prozess zu fördern. Allerdings verweist Jen darauf, dass bei jedem Design-Prozess auch der kritische Blick von Kollegen dazugehört, um die Wertschöpfung von Beginn an zu prüfen.

Überraschend ist diese Abrechnung nicht. Viele Designer müssen sich angesichts der inflationären Verwendung des Design-Begriffs schon lange fragen, welchen Wert ihre Arbeit noch besitzt – wenn in jedem Controller-Büro Excel-Formulare mit Design Thinking optimiert werden.

Aber Sorgen um ihre berufliche Zukunft müssen sich Jen und die Design-Community nicht machen. Der Hype um die Methode hat den Höchststand erreicht – auch erkennbar an dem Überangebot an – oftmals fragwürdig teuren – Fortbildungsangeboten. Und so, wie es aussieht, werden sich in ein paar Jahren viele Manager beim Thema Design Thinking nur noch an die vielen bunten Post-Its erinnern, die sie in den Meetings produziert haben.

Was also wird bleiben vom Design Thinking Hype?

Zuerst einmal die Erkenntnis, dass nicht die Methode entscheidend ist. Es verwundert nicht, dass die größten Innovationen nicht durch Methoden entstanden sind – sondern durch Talent und den Wunsch, etwas Neues zu schaffen. Der Glaube an die Methode wird vor allem von denen hochgehalten, für die Kreativität in ihrem bisherigen Berufsleben eher eine zweifelhafte Charakter-Eigenschaft war. Viel zu lange ging es in den Assessment-Centern der großen Konzerne vor allem um logisch-analytische Lösungskompetenzen und Prozessoptimierung – nicht um Kreativität. Da klang es einfach zu gut, dass nun mit einer einfachen Methode aus jedem Techno- oder Bürokraten ein verspielter Innovator werden kann – notfalls halt mit dem Einsatz von Lego-Steinen, einer weiteren Spielart des Design Thinking.

Natürlich kann dieser Ansatz nicht funktionieren. Denn neben der bereits geschilderten Tatsache, dass es für kreative Prozesse auch kreative Talente bedarf, übersehen viele Unternehmen die vielleicht wichtigste Voraussetzung für die Gestaltung von Neuem: den Freiraum und das Klima für Kreativität.

Es ist also zuerst einmal eine Frage, in welcher Unternehmenskultur eigentlich Innovation gedeihen soll. Das fängt beim Recruiting an: Suchen Unternehmen nun wirklich kreative Freigeister oder nach wie vor nur MBA-Absolventen mit Bestnoten? Es setzt sich fort bei der Frage, wie mit Gestaltung umgegangen wird – lässt man dezentrales, eigenverantwortetes Arbeiten zu? Oder regiert weiterhin das Micromanagement? Und führt schließlich zur zentralen Frage: Ist der Freiraum für kreatives Scheitern in einem Unternehmen wirklich vorhanden?

Widmen sich Unternehmen diesen zentralen Fragen und schaffen es, eine neue Kultur zu gestalten, sind die Grundlagen für kreatives und innovatives Arbeiten geschaffen. Dann kann auch eine Methode wie Design Thinking helfen, die Suche nach neuen Lösungen besser zu gestalten.

Aber vielleicht finden sich ja in einem neuen kreativen Klima auch ganz andere Methoden. Wie Tim Hereford in einem TED-Vortrag erläutert hat, kann es von Vorteil sein, kreative Prozesse gerade nicht zu sehr zu ordnen, sondern das richtige Maß an Chaos sogar zu integrieren. Und Natasha Jen zeigt in ihrem Vortrag sehr eindrücklich, dass die Arbeitsumgebungen von guten Designern oft alles andere als geordnete Verhältnisse sind.

Wahrscheinlich liegt hier auch die größte Herausforderung für viele Unternehmen: Kreative Prozesse sollten nicht standardisiert verordnet und ständig optimiert werden. Oft ist es besser, das richtige Maß an Chaos einfach zuzulassen.